Yoga geschieht. Die lebendige Bedeutung der drei A’s und der fünf Prinzipien
Seit über zwanzig Jahren beschäftige ich mich mit den Anusara Yoga Prinzipien. In dieser Zeit haben viele Menschen an den Veranstaltungen teilgenommen. Menschen, die Yoga nicht nur als körperliche Übung verstehen wollten, sondern als einen Weg, der das eigene Leben berührt und verändert. Eine wichtige Grundlage war für mich immer: Im Anusara Yoga reden wir von Prinzipien, nicht von Regeln. Die 5 Universellen Ausrichtungsprinzipien und die drei A’s geben Orientierung, sie bringen Klarheit in die Praxis und helfen uns, den Körper besser zu verstehen. Doch mit der Zeit ist immer deutlicher geworden, dass ihre eigentliche Bedeutung tiefer liegt.
Wenn wir die Anusara Yoga Prinzipien nur als technische Hinweise verstehen, bleibt ihr inneres Potenzial ungenutzt. Es entsteht sogar eine gewisse Gefahr: Aus lebendigen Prinzipien können unbemerkt Regeln werden. Regeln, die wir befolgen müssen, um etwas richtig zu machen. Das entspricht unserem leistungsorientierten Denken, in dem wir versuchen, Dinge zu kontrollieren, zu optimieren und korrekt auszuführen. Doch genau an diesem Punkt entfernen wir uns von der Philosophie, aus der diese Praxis ursprünglich entstanden ist.
Die Prinzipien des Anusara Yoga sind keine Vorschriften. Sie sind Hinweise auf Bewegungen des Lebens selbst. Sie wollen nicht befolgt werden, sondern erkannt werden. Wenn wir beginnen, sie als starre Technik zu betrachten, verlieren sie ihre Lebendigkeit. Wenn wir sie jedoch als Ausdruck unseres eigenen Seins verstehen, beginnen sie von selbst zu wirken. Im Alltag erleben wir den Körper meist als etwas, das funktionieren soll. Wir trainieren ihn, verbessern ihn, formen ihn. Doch wenn wir still werden und wirklich zuhören, verändert sich diese Perspektive. Der Körper ist kein Objekt. Er ist ein lebendiger Ausdruck von Bewusstsein. Jede Empfindung, jede Bewegung, jeder Atemzug ist Teil eines Feldes von Wahrnehmung, in dem Bewusstsein sich selbst erfährt. Wenn wir beginnen, auf diese Weise zu lauschen, entsteht Bewegung nicht mehr aus Anstrengung. Sie entsteht aus Aufmerksamkeit. Der Körper reagiert auf das, was wir wahrnehmen. Er antwortet auf die Stille, aus der jede Bewegung hervorgeht. In diesem Moment wird der Körper zu einem Resonanzraum, ein Raum, in dem Bewusstsein sich selbst in Form, Empfindung und Bewegung ausdrückt.
Hier beginnen auch die drei A’s ihre eigentliche Bedeutung zu entfalten. Einstellung (Attitude), Ausrichtung (Alignment) und Handeln (Action) sind dann keine Schritte mehr, die wir nacheinander ausführen müssen. Sie beschreiben einen natürlichen Prozess. Einstellung ist die innere Öffnung für das, was ist. Ein stilles Einverständnis mit dem Moment. Wenn wir uns diesem Einverständnis anvertrauen, entsteht Würde, Respekt und eine tiefe Wertschätzung gegenüber dem Leben selbst. Diese Haltung muss nicht hergestellt werden. Sie erscheint von selbst, wenn wir uns wieder mit unserer Essenz verbinden. Aus dieser Einstellung wächst Ausrichtung. Ausrichtung bedeutet Klarheit. Wenn wir innerlich gesammelt sind, richtet sich auch der Körper auf natürliche Weise aus. Die Wirbelsäule findet ihre Länge, der Atem wird freier und der Raum im Körper öffnet sich. Diese Ausrichtung entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch ein inneres Erkennen. Und aus dieser Klarheit entsteht Handeln. Aktion als spontane Bewegung des Lebens selbst. Sie ist nicht angespannt, sondern präzise und lebendig. In der Yogapraxis zeigt sich das als eine Haltung, die zugleich stabil und offen ist. Im Leben zeigt es sich als Handeln, das aus Präsenz entsteht und nicht aus dem inneren Druck, etwas tun zu müssen.
Auf dieser Grundlage beginnen auch die fünf Ausrichtungsprinzipien ihre tiefere Bedeutung zu zeigen. Sie sind keine mechanischen Schritte, sondern beschreiben Bewegungsqualitäten, die im Körper bereits vorhanden sind. Das erste Prinzip erinnert uns daran, eine Basis zu schaffen und uns zum Höheren zu öffnen. Jede Bewegung braucht einen Boden. Wenn wir uns mit dem Boden verbinden, entsteht Stabilität. Und genau aus dieser Stabilität kann sich der Körper nach oben öffnen. Diese Bewegung ist im Grunde eine Bewegung des Vertrauens: Wir lassen uns tragen und öffnen uns gleichzeitig für den größeren Raum. Das zweite Prinzip beschreibt die kontrahierende Energie. Kontraktion wird oft missverstanden als Anspannung. In Wirklichkeit ist sie eine sammelnde Bewegung. Energie zieht sich zur Mitte hin zusammen, um Kraft und Klarheit zu bündeln. Ohne diese Sammlung gäbe es keine Stabilität, keine Integrität im Körper und auch keine Klarheit im Handeln.
Das dritte Prinzip ist die weitende Spirale. Sie unterstützt den kontrahierenden Energiestrom und lässt ihn weich werden. Diese Spirale schafft Raum im Körper. Sie bringt Weite in die Gelenke, Leichtigkeit in die Bewegung und ein Gefühl von Offenheit und gleichzeitiger Stabilität in der gesamten Struktur. Das vierte Prinzip, die manifestierende Spirale, manifestiert diese geschaffene Weite in eine konkrete Form. Die Bewegung des Körpers wird präzise, klar und sichtbar. Energie findet ihren Ausdruck. Form entsteht nicht als starre Struktur, sondern als lebendige Manifestation von Bewusstsein. Das fünfte Prinzip ist die expandierende Energie. Hier dehnt sich die Bewegung nach außen aus. Der Körper strahlt, der Atem wird weit und die Haltung gewinnt eine natürliche Präsenz. Diese Expansion ist kein äußeres Mehr, sondern die Ausstrahlung einer inneren Fülle, weit über die Körpergrenzen hinaus.
Wenn wir diese Prinzipien auf diese Weise erfahren, beginnt sich etwas Entscheidendes zu verändern. Die Praxis wird nicht mehr zu einer Übung, die wir durchführen. Sie wird zu einem Prozess des Erkennens. Der Körper wird durchlässiger. Empfindungen werden klarer. Bewegung wird freier. Und allmählich beginnt der Körper so zu erscheinen, wie er in der nondualen Sicht verstanden wird: nicht als etwas Festes, sondern als ein leuchtendes Bewusstsein, das sich in Form ausdrückt. Diese Erfahrung bleibt nicht auf die Yogamatte beschränkt. Dieselben Bewegungen finden auch im Leben statt. Wir schaffen eine Basis in unserem Alltag und öffnen uns für neue Erfahrungen. Wir sammeln unsere Energie, statt sie zu zerstreuen. Wir schaffen Raum für neue Möglichkeiten. Wir bringen unsere Erkenntnisse in konkrete Handlung. Und schließlich lassen wir unser Handeln in die Welt ausstrahlen.
Wenn wir auf diese Weise leben, brauchen wir keine moralischen Programme, die uns sagen, wie wir sein sollten. Mitgefühl muss nicht gelernt werden. Liebevolle Güte muss nicht studiert werden. Wenn wir mit unserer Essenz verbunden sind, können wir gar nicht anders handeln. Denn unsere Essenz ist nicht getrennt von diesen Qualitäten. Sie ist ihre Quelle. Von hier aus öffnet sich ganz natürlich ein weiterer Schritt: die Weite der Beziehung. Wenn wir den Körper als Ausdruck von Bewusstsein erfahren, erkennen wir, dass jede Bewegung Beziehung ist – Beziehung zum Boden, Beziehung zum Atem, Beziehung zum Raum, Beziehung zur Welt und Beziehung zu anderen Menschen.
Auf dem nach innen gerichteten Weg wird diese Einsicht oft als Erfahrung des unveränderlichen Selbst beschrieben, das stille Bewusstsein, das allem zugrunde liegt. Aus der Perspektive des nach außen gerichteten Weges wird jedoch noch eine weitere Dimension sichtbar. Alles, was erscheint, ist Beziehung. Bewusstsein erkennt sich selbst in der Welt. Diese Bewegung des Erkennens wird als spanda beschrieben, als vibrierende Lebendigkeit des Seins. Wenn wir Yoga aus dieser Perspektive verstehen, wird jede Asana zu einer Begegnung. Eine Begegnung mit dem Boden, mit dem Atem, mit dem Raum und manchmal auch mit einem anderen Menschen. Diese Begegnung ist nicht durch Rollen oder Erwartungen definiert. Sie ist die freie Bewegung des Bewusstseins selbst.
So führt uns dieser Weg von der Tiefe des Körpers in die Weite der Beziehung. Von der stillen Erfahrung unseres eigenen Seins in eine Praxis, die das ganze Leben umfasst. Yoga wird damit wieder zu dem, was es ursprünglich war: keine Technik, kein System, sondern eine Lebensform, die uns immer wieder an das erinnert, was wir in unserem tiefsten Wesen bereits sind.




