Anusara Yoga Solid Ground: geerdete Aufrichtung als Ausdruck von Stabilität, Freiheit und energetischer Ausrichtung

Stabilität und Freiheit: die Grundlagen des Anusara Yoga

Der Weg beginnt innen

Wenn wir Yoga betrachten, sehen wir zunächst Körper in verschiedensten Stellungen. Vielleicht denken wir an Beweglichkeit, Kraft oder an eine möglichst präzise Form. Doch die eigentliche Erfahrung einer Haltung beginnt an einer anderen Stelle. Sie beginnt innen. Darum geht es im Solid Ground, dem Grundlagenworkshop des Anusara Yoga. Solid Ground bedeutet fester Boden. Aber dieser Boden ist weit mehr als ein stabiler Stand. Er ist die Grundlage, aus der sich Wahrnehmung, Ausrichtung und schließlich Freiheit entwickeln können.

Im Anusara Yoga sprechen wir von Einstellung, Ausrichtung und Aktion. Die Einstellung kommt zuerst. Bevor wir den Körper organisieren, begegnen wir uns selbst. Mit welcher inneren Haltung setzen wir uns auf die Matte? Wollen wir etwas erreichen, unseren Körper optimieren oder eine äußere Form erfüllen? Oder können wir zunächst wahrnehmen, was in diesem Augenblick tatsächlich da ist?

Dann beginnt Ausrichtung. Und hier liegt eine wesentliche Qualität des Anusara Yoga: Wir beginnen nicht beim äußeren Körper. Wir beginnen beim inneren Körper. Beim Atem, der Empfindung von Lebendigkeit. Wir erfahren den Körper von innen, bevor wir seine äußere Form verändern. Erst aus dieser Verbindung richtet sich der äußere Körper aus. Es kommt zur Erfahrung, dass da eine klare Beziehung von innerer und äußerer Struktur ist. Die sichtbare Form entsteht aus einer inneren Erfahrung. Der Weg führt nach innen, bevor er nach außen führt. Das unterscheidet diesen Ansatz von einem Unterricht, der vor allem beschreibt, wie eine Haltung aussehen sollte. Wir unterrichten nicht zuerst äußere Formen. Wir unterrichten Energieflüsse. Die Form ist das Ergebnis einer inneren Organisation.

Biomechanik ermöglicht lebendigen Energiefluss

Diese innere Ausrichtung ist keineswegs ungenau oder beliebig. Anusara Yoga arbeitet mit einer sehr differenzierten Biomechanik. Und diese Mechanik richtet sich immer wieder nach der Mittelachse, die durch den Körper läuft. Wie ein Lot. Wir erfahren, wie Kräfte durch den gesamten Körper geleitet werden und wie Gelenke, Muskulatur und energetische Ausrichtung miteinander in Beziehung stehen.

Eine besondere Bedeutung haben dabei die sieben Loops. Sie beschreiben, wie sich der Körper vom Fuß bis zum Kopf in der Vertikalen organisiert. Ihr wesentlicher biomechanischer Sinn liegt in der schonenden Ausrichtung der Gelenke im Verhältnis zur Schwerkraft.

Wir leben ständig in dieser Beziehung. Die Schwerkraft zieht uns zum Boden. Gleichzeitig richtet sich der Körper auf. Wenn die Gelenke ihre klare Beziehung zueinander verlieren, entstehen unnötige Kompression, Ausweichbewegungen oder übermäßige muskuläre Anstrengung. Die Loops helfen uns, die Gelenke so zu organisieren, dass die Kräfte der Schwerkraft klarer durch den Körper geleitet werden können.

Was im Fußgelenk geschieht, beeinflusst Knie und Hüfte. Die Organisation der Beine wirkt auf das Becken. Das Becken beeinflusst Wirbelsäule und Brustkorb. Schultergürtel und Kopf antworten wiederum auf das, was darunter geschieht. Der Körper wird nicht mehr als Ansammlung einzelner Teile erlebt, sondern als zusammenhängendes energetisches Ganzes.

Aufrichtung bedeutet dann nicht, sich gegen die Schwerkraft steif zu machen. Wir nutzen vielmehr die Verbindung zum Boden, um nach oben frei zu werden.

Hier begegnen sich biomechanische Präzision und energetische Erfahrung. Eine kleine Veränderung an einer Stelle kann im ganzen Körper spürbar werden. Der Schüler versteht nicht nur intellektuell, wo ein Gelenk stehen sollte. Er erlebt unmittelbar, wie sich eine klare Ausrichtung anfühlt.

Die fünf universellen Ausrichtungsprinzipien

In diese innere und biomechanische Organisation fügen sich die fünf universellen Ausrichtungsprinzipien ein. Sie sind nicht die Ausrichtung selbst und auch keine äußeren Korrekturanweisungen. Sie beschreiben grundlegende Qualitäten, durch die sich der Körper organisiert, stabilisiert, öffnet und ausdrückt.

Das erste Prinzip lautet: Sich erden und zum Höheren öffnen. Dies entlang der erwähnten Mittelachse. Wir schaffen eine klare Grundlage und öffnen uns zugleich. Erdung und Weite gehören von Anfang an zusammen. Dann folgt die kontrahierende Energie. Wir sammeln uns zur Mitte. Diese Sammlung gibt Halt, ohne den Körper hart zu machen. Die weitende Spirale schafft Raum. Besonders in Becken und Hüften entsteht Weite. Die manifestierende Spirale erhält diese Weite und bringt sie zugleich in eine klare, tragfähige Form. Schließlich lässt die expandierende Energie das, was sich gesammelt und ausgerichtet hat, wieder nach außen strömen.

Didaktisch lernen wir diese Prinzipien einzeln. In einer lebendigen Haltung wirken sie miteinander. Verbindung, Sammlung, Weite, Form und Ausdruck gehören zusammen. Und plötzlich kann eine Haltung, eine Asana, die wir vielleicht seit Jahren kennen, vollkommen anders erlebt werden. Ein Stand wird stabiler, ohne schwer zu werden. Die Beine entwickeln Kraft, ohne sich verkürzt anzufühlen. Im unteren Rücken entsteht Raum. Der Brustkorb öffnet sich, ohne nach vorne gedrückt zu werden. Der Körper arbeitet intensiver und fühlt sich gleichzeitig freier an. Hier beginnt die besondere Freude des Anusara Yoga.

Der Körper als energetisches Wunder

Viele Menschen haben gelernt, ihren Körper vor allem von außen zu betrachten. Ist er beweglich genug? Stark genug? Schlank genug? Sieht die Haltung richtig aus? Diese Art des Betrachtens kann leicht das Gefühl erzeugen, am eigenen Körper sei ständig etwas zu korrigieren.

Anusara eröffnet eine andere Erfahrung. Wir beginnen, den Körper von innen als erstaunlich intelligent und fein organisiert zu erleben. Wir spüren, wie unmittelbar er antwortet. Wie eine kleine Veränderung im Fuß das Bein beeinflusst. Wie die Organisation des Beckens Raum in der Wirbelsäule entstehen lässt. Wie Stabilität an einer Stelle Freiheit an einer anderen ermöglicht. Der eigene Körper wird zu einem energetischen Wunder.

Da liegt ein Grund, warum Anusara Yoga so viel Freude auslösen kann. Diese Freude entsteht nicht daraus, dass eine Stellung endlich perfekt aussieht. Sie entsteht aus dem Staunen darüber, was der eigene Körper kann, wie intelligent er organisiert ist und wie viel Lebendigkeit in ihm erfahrbar wird.

Präzision bedeutet deshalb nicht, jeden Körper in dieselbe äußere Form zu bringen. Präzision heißt, so genau wahrzunehmen, dass wir erkennen, was in diesem Körper, in dieser Haltung und in diesem Augenblick möglich und stimmig ist. Ausrichtung wird zu einem Lauschen. Wo fehlt Verbindung? Wo entsteht unnötige Kompression? Wo braucht es Sammlung? Wo mehr Raum? Wo eine klarere Form? Und wo darf sich Energie wieder frei ausdehnen?

Ein fester Boden für Freiheit

Hinter dieser körperlichen Arbeit steht eine lebensbejahende Philosophie. Der Körper ist kein Hindernis auf einem spirituellen Weg. Er ist lebendiger Ausdruck bewussten Seins. Wir müssen ihn nicht überwinden. Wir dürfen ihn erfahren. Dadurch verändert sich die ganze Yogapraxis. Eine Asana ist nicht länger eine Form, die wir erfüllen müssen. Sie wird zu einer Geste. Zu einer Weise, in der sich Wahrnehmung, Kraft, Weite und Bewusstsein verkörpern.

Die Essenz des Solid Ground lässt sich deshalb tatsächlich mit zwei Worten beschreiben: Stabilität und Freiheit. Ohne Stabilität wird Freiheit haltlos. Ohne Freiheit wird Stabilität starr. Wir brauchen den Boden, um uns öffnen zu können. Wir brauchen Sammlung, damit Weite nicht verloren geht. Wir brauchen eine klare Form, damit Energie sich frei ausdrücken kann.

Solid Ground vermittelt deshalb weit mehr als Grundlagen von Yogahaltungen. Es führt in Einstellung, Ausrichtung und Aktion ein, in die Erfahrung des inneren und äußeren Körpers, in die biomechanische und energetische Qualität der sieben Loops und in die fünf universellen Ausrichtungsprinzipien. Vor allem aber lädt dieser Workshop dazu ein, den eigenen Körper neu zu erfahren.

Lalla unterrichtet Solid Ground vom 14. bis 16. August bei Andrea Zettl Yoga in Darmstadt und am 12. und 13. September in Steyr.

Nach mehr als zwanzig Jahren des Unterrichtens ist für uns eines immer klarer geworden: Die Tiefe des Anusara Yoga liegt nicht in der Beherrschung komplizierter Stellungen. Sie liegt in der Qualität und dem Respekt, mit der wir unserem Körper begegnen. Wir gehen nach innen, bevor wir nach außen handeln. Wir erfahren, bevor wir formen. Wir verbinden uns mit dem Boden, richten uns in der Schwerkraft aus, sammeln Kraft, schaffen Raum und lassen daraus Ausdruck entstehen.

Das ist Solid Ground.

Ein fester Boden, der uns nicht festhält, sondern Freiheit möglich macht.

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